Aufrufe
vor 2 Jahren

Industrielle Automation 6/2016

  • Text
  • Industrielle
  • Automation
Industrielle Automation 6/2016

INDUSTRIELLE

INDUSTRIELLE KOMMUNIKATION I INTERVIEW Safety & Security Das Rückgrat einer global vernetzten Produktion Nicole Steinicke, Oliver Winzenried Viele Unternehmen müssen ihr geistiges Eigentum vor Produkt- oder Markenpiraterie, Hackerangriffen oder Cyber-Attacken schützen. Im Zuge zunehmender Globalisierung, offener Netzwerkstrukturen ist also das Thema Security so wichtig wie nie zuvor. Wibu-Systems bietet Produkte und Lösungen an, die einen bedeutenden Beitrag zum Schutz geistigen Eigentums, zur Abbildung neuer Geschäftsmodelle und zu Security leisten können. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass industrielle Unternehmen sich stets an den Technologieführern orientiert haben und sich für das Know-how, das dessen Unternehmenserfolg ausmacht, interessieren. Beispielsweise studierten deutsche Ingenieure im 19. Jahrhundert die englischen Maschinen und die Arbeitsweise in den Fabriken. Im Zuge der zweiten industriellen Revolution gab es neben Elektrizität und Arbeitsteilung auch Produktpiraterie. Eine starke Veränderung entstand im Zeitalter von Software: Software kann einfach kopiert werden, und zwar in der gleichen Qualität. Und aufgrund der vernetzten Maschinen und Geräte passen sich die Produktpiraten wiederum an: Das Knacken digitaler Identitäten, Geschäftsmodellen und der Kommunikation zählen zu deren bevorzugten Ziele. Diese veränderte Art der Angriffe auf das Unternehmens-Know-how führt jedoch auch zu verbesserten Abwehrmaßnahmen: es gibt professionelle Lösungen zu Knowhow-Schutz, Softwarelizenzierung und Cyber-Security. Inzwischen ist auch den meisten Unternehmen bewusst, dass ihr Unternehmenserfolg wesentlich vom effizienten Schutzkonzept abhängt – Security zählt zu den Erfolgsfaktoren. Das Karlsruher Unternehmen Wibu-Systems unterstützt Softwarehersteller und Hersteller intelligenter Geräte mit der CodeMeter-Technologie. Zum einen enthält CodeMeter moderne Verschlüsselungsalgorithmen und kann zum anderen ganz flexibel und intuitiv für die unterschiedlichen Schutzbedürfnissen beim Knowhow-Schutz, der Softwarelizenzierung und Security eingesetzt werden. z Oliver Winzenried, Gründer und Vorstand von Wibu-Systems, spricht mit Nicole Steinicke über Security in der intelligenten, immer stärker vernetzten Produktion Wibu-Systems zählt zu den weltweiten Technologieführern für License-Lifecycle- Management von Software. Was ist die Kernkompetenz Ihres Unternehmens und wie spiegelt sich dies in Ihren Lösungen wider? Unser Motto „Perfection in Protection, Licensing, and Security“ kennzeichnet unsere Kompetenzen. Erstens bieten wir Lösungen zum Schutz vor Produktpiraterie und Reverse-Engineering. Dies funktioniert nur mit starken Verschlüsselungsalgorithmen für Software kombiniert mit einem sicheren Schlüsselspeicher. Zweitens bieten wir flexible Lizenzierung für ganz unterschiedliche Konfigurationen bei Maschinen- und Geräte-Funktionen. Dazu gehört auch die Integration der Lizenzierung direkt in den Geschäftsprozess, beispielsweise in ERP-Systeme oder E-Commerce-Shops. Und drittens geht es Dipl.-Ing. (FH) Nicole Steinicke, Redakteurin, INDUSTRIELLE AUTOMATION um den Schutz vor Sabotage, Cyber- Angriffen und sogar unabsichtlicher Manipulation. Welche Vorteile erhalten Hersteller von Ihren Lösungen? Industrie 4.0 zersetzt die traditionellen Paradigmen. Die Wertschöpfung durch Software anstatt wie in der Vergangenheit durch Hardware steigert das gesamte Leistungsvermögen, sowohl hinsichtlich Produktivität als auch Effizienz. Sowohl Hersteller als auch Anwender profitieren von maßgeschneiderten Produkten. Mittels Softwarelizenzierung können die Kundenwünsche bis ins kleinste Detail abgebildet werden. Hersteller intelligenter Maschinen und Softwarehersteller können von den Monetarisierungsmöglichkeiten profitieren, indem sie Feature-on-Demandoder Pay-per-Use-Modelle nutzen und somit wiederkehrende Umsätze durch Softwareupgrades generieren, die Produkteinführungszeit reduzieren und neue Zielgruppen erreichen. Am besten lässt sich diese Transformation in der Industrie mit dem Trend bei Smartphones im Konsumerbereich vergleichen: Es gibt verschiedene Grundfunktionen und weitere Funktionen können einfach über ein App-Store nachgekauft werden. Welches sind die neuen Anforderungen bei Industrie 4.0 und dem Industrial Internet of Things (IIoT)? IIoT-Geräte werden als Basiskomponenten in Maschinen und Anlagen verbaut, was Industrie 4.0 erst ermöglicht. Der grundlegende gemeinsame Nenner dafür ist die Vernetzung. Somit ist es für jedes einzelne Gerät essentiell wichtig, eine fälschungssichere Identität zu haben, was nur mit sogenannten „Secure Elements“ in der Hardware sicher funktioniert. Darüber hinaus werden Daten stark an Bedeutung im Produktionsprozess 01 Oliver Winzenried, Vorstand und Gründer von Wibu-Systems 84 INDUSTRIELLE AUTOMATION 6/2016

INTERVIEW I INDUSTRIELLE KOMMUNIKATION 02 Die Schutzhardware CmDongle in verschiedenen Bauformen sind für den harten Fabrikalltag geeignet gewinnen. Bei der additiven Herstellung, 3D-Druck, wird das Produkt komplett über seine Produktionsdaten definiert. Der Schutz des geistigen Eigentums solcher Daten und deren Integrität sind für Hersteller unternehmenskritisch. Was meinen Sie: Ist die gesamte Industrie bereits auf Security ausgerichtet oder sollte dies viel stärker vorangetrieben werden? Momentan befinden wir uns in der Anfangsphase von IIoT und deswegen muss dieses Modell in der Tat viel stärker vorangetrieben werden. Werden neue Technologien in größerem Umfang eingesetzt und mit mehr Funktionen und Komfort ausgestattet, dann wird sich jeder dieser erfolgsversprechenden Sache anschließen. Momentan gibt es jedoch Bedenken hinsichtlich Security: Normalerweise werden Sicherheitsmaßnahmen erst nach kritischen Ereignissen eingebaut. Bei der intelligenten Produktion sollte jedoch der Schutz so früh wie möglich eingebaut werden, sodass Hersteller diesen by Design oder by Default nutzen können. „Security by design“ bedeutet, dass die Geräte bereits mit Schutzoptionen ausgestattet sind, während der Anwender bei „Security by default“ das Gerät bereits so vorkonfiguriert bekommt, dass es Mindestsicherheitsanforderungen umsetzt, unabhängig von den manuellen Konfigurationen und Präferenzen des Anwenders. Im Bereich Industrie 4.0: Was verhindert eine erfolgreiche Implementierung? Vor allem glaube ich, dass die Notwendigkeit einer flexiblen Produktion von allen Herstellern wahrgenommen werden muss. Das nächste Hindernis ist die beträchtliche Lebenszeit von Produktionsmaschinen – gewöhnlich zwanzig Jahre oder noch viel länger. Jede Art von IIoT-Lösung und die dazugehörigen Sicherheitsmaßnahmen müssen daher sowohl für neue Maschinen passen als auch für vorhandene Maschinen nachrüstbar sein. Wie sehen Sie die Rolle des Staates? Kann der öffentliche Sektor die Privatwirtschaft unterstützen? Soweit ich es erkennen kann, haben alle großen Weltwirtschaftsstaaten bereits die vernetzte Produktion auf ihre digitale Agenda gesetzt. Sie unterstützen Forschungs- und Entwicklungsprojekte, schaffen ein Rechtssystem für Industrie 4.0 und setzen auf Standardisierung, um so internationale Kooperationen und freien Handel zu initiieren. Hier in Deutschland sind wir direkt an verschiedenen Projekten beteiligt, die von staatlichen Institutionen finanziert werden. Wie aktiv sind Sie hinsichtlich Forschung und Entwicklung? Unser Entwicklungsteam arbeitet an vielen, verschiedenen Forschungsprojekten. Auf zwei Projekte möchte ich besonders eingehen. „IUNO“, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, ist das Nationale Interview Oliver Winzenried im Gespräch mit Nicole Steinicke auf der Industrial Automation Show Beijing, China https://youtu.be/B4g-cKNQpXQ Referenzprojekt zu IT-Sicherheit in der Industrie 4.0 und vereint 21 Partner – 14 Unternehmen und 7 Forschungsinstitute. Es geht dabei um vier Anwendungsfälle, die von Bosch, VW, Trumpf und Homag definiert wurden. Wibu-Systems widmet sich hauptsächlich der sicheren Fernwartung und der Entwicklung eines Technologiedaten-Marktplatzes. Bei der Fernwartung wird unsere Schutzhardware in verschiedenen Bauformen wie USB oder SD-Karte als sicheres Element genutzt und beim Marktplatz wird unsere Schutztechnologie CodeMeter eingesetzt. Ein anderes Projekt, „Secure Plug & Work“, basiert auf dem Plug&Play-Konzept von USB-Geräten und vereinfacht den Austausch von Teilen und Komponenten in Maschinen mit automatischer Konfiguration. Zusätzlich wird über diesen Prozess eine Sicherheitsschicht realisiert. CodeMeter liefert dabei einen sicheren Schlüsselspeicher für Zertifikate und den Einsatz bei der UPC UA-Kommunikation. Vermutlich gibt es viele konkurrierende Unternehmen bei diesen Projekten. Wie läuft es? Ziehen momentan alle am gleichen Strang? Wer an Standards arbeitet, kann nur gemeinsam mit allen Industriegrößen, auch Mitbewerbern, daran arbeiten. Kleinere, mittlere und sogar große Unternehmen brauchen einen gewissen Grad an Interoperabilität. Und nur mit Standards kann eine fehlerfreie und sichere Kommunikation zwischen einer großen Maschinengruppe funktionieren. Konkurrierende Unternehmen haben den Vorteil, dass sie gemeinsam eine Grundlage schaffen können – die Standards. Ihre individuellen USPs oder Stärken und Vorteile erarbeiten sie an ihrem individuellen Produkt. So funktioniert der Wettbewerb am besten. Warum beteiligt sich Wibu-Systems an diesen Industrie-Initiativen? Wenngleich wir bei verschiedenen Industrie-Initiativen mitmachen, konzen trieren wir uns immer auf unsere Kerntechnologien: Schutz, Lizenzierung und Security. Die Möglichkeit, in ganz unterschiedlichen Märkten wie indus trielle Automation oder Medizintechnik mit den jeweiligen besonderen Anforderungen und Kundenbedürfnissen zu arbeiten, erlaubt es uns, die wirklichen Markterfordernisse zu verstehen, unsere Lösung zu erweitern und die Erwartungen unserer Kunden zu erfüllen. www.wibu.com INDUSTRIELLE AUTOMATION 6/2016 85

AUSGABE