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Industrielle Automation 4/2019

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Industrielle Automation 4/2019

ROBOTIK & AUTOMATION I

ROBOTIK & AUTOMATION I INTERVIEW Dem Fachkräftemangel entgegenwirken Ein Interview mit Helmut Schmid, Geschäftsführer Universal Robots (Germany) & General Manager Western Europe bei Universal Robots Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gibt es in Deutschland aktuell zwar keinen flächendeckenden Fachkräftemangel, allerdings können offene Stellen schon heute teilweise nicht mehr mit geeigneten Fachkräften besetzt werden – vor allem im MINT- und Gesundheitsbereich. Doch Experten sehen die voranschreitende Digitalisierung als eine der großen Chancen, dem Fachkräftemangel wirksam entgegen zu treten. Einer, der dies genauso sieht, ist Helmut Schmid, Geschäftsführer Universal Robots (Germany) GmbH & General Manager Western Europe bei Universal Robots in München. Herr Schmid, glaubt man den aktuellen Prognosen von Arbeitsforschern, sollen wir bis zum Jahr 2040 unter einem enormen Fachkräftemangel leiden – Stimmen aus der Politik und Wirtschaft prophezeien jedoch, dass Deutschland bereits über passende Maßnahmen verfügen soll. Wie stehen Sie diesen Vorhersagen gegenüber? Aus heutiger Sicht sehe ich dies kritisch und zu optimistisch. Wir haben bereits heute einen enormen Fachkräftemangel in allen Regionen Deutschlands. Der „war for talents“ hat schon lange begonnen. In unterschiedlichen Ausbildungs- und Studienbereichen werden zu wenige Mitarbeiter ausgebildet. Der demographische Wandel und die Generation der Baby Boomer werden bereits 2030 durch den Renteneintritt zu enormen Engpässen bei Unternehmen führen. Wir müssen deshalb Mitarbeiter weiterentwickeln und monotone und repetitive Arbeiten von Leichtbaurobotern ausführen lassen. Mit kollaborierenden Robotern von Universal Robots, auch Cobots genannt, ist dies beispielsweise aufgrund der einfachen und intuitiven Bedienung ganz unkompliziert möglich. Aus meiner Sicht müssen Unternehmen aller Größen mit der Automatisierung 64 INDUSTRIELLE AUTOMATION 4/2019

INTERVIEW I ROBOTIK & AUTOMATION entsprechender Tätigkeiten schon heute den Grundstein legen, um ihre Produktionen effizient und mit ausreichenden Ressourcen aufzustellen. Nur so können sie dem Fachkräftemangel entgegenwirken und auch künftig mit dem internationalen Wettbewerb mithalten. Die Roboterarme von Universal Robots lassen sich ohne spezifische Fachkenntnisse intuitiv über ein Tablet programmieren Viele Berufe, zum Beispiel aus dem Sicherungs- und Überwachungssektor, sollen zukünftig entfallen, ja sogar durch Roboter ersetzt werden. Als Geschäftsführer eines Herstellers von Roboterarmen für den Einsatz in diversen Produktionsumgebungen: Wie schätzen Sie diese Situation ein? Im Sicherungs- und Überwachungssektor können mobile und autonom agierende Serviceroboter eingesetzt werden – hier ist keine direkte Kooperation mit dem Menschen notwendig. In industriellen Produktionen sieht das anders aus. Die kollaborative Robotik, die dort unterstützt, hat einen entscheidenden Vorteil: Sie bezieht den Menschen mit ein. Ein Großteil der Unternehmen hat erkannt, dass Menschen auch in Zukunft eine zentrale Rolle in der Fertigung einnehmen werden. Menschenleere Fabriken sind nicht erwünscht. Kollaborierende Roboter geben Unternehmen die Möglichkeit, von der Kombination aus menschlichen Fähigkeiten und Automatisierung zu profitieren. Sie glauben also nicht, dass Roboter menschliche Fachkräfte ersetzen können? Nein, das glaube ich nicht. Wir Menschen sind nicht dazu geschaffen, als Roboter zu arbeiten. Aus meiner Sicht müssen wir vielmehr die Stärken von Mensch und Maschine jeweils unterschiedlich entwickeln und einsetzen. Kollaborierende Leichtbauroboter entlasten die Mitarbeiter von anstrengenden, monotonen oder gefährlichen Aufgaben. Sie sind unübertroffen in der Fertigung standardisierter Produkte, aber sie können ihnen nicht das besondere Etwas geben. Aber genau nach solchen individualisierten Produkten verlangen die Konsumenten zunehmend. Darin zeigt sich, dass die menschliche Note im Produktionsprozess heute und in Zukunft sogar noch verstärkt, unabdingbar ist. Damit die Automatisierung von Produktionsprozessen ihr volles Potenzial entfalten kann, braucht es menschliches Know-how. Der Roboter kann die menschliche Arbeitskraft nicht ersetzen, er kann sie ergänzen. Den Angestellten ermöglicht er damit, ihre Kreativität im Rahmen von komplexeren Tätigkeiten einsetzen zu können - dort wo sie gebraucht wird. Welche Vorteile ergeben sich Ihrer Ansicht nach durch den Einsatz von Robotern, gerade auch im Hinblick auf den Einsatz in der Industrie? Die Industrie profitiert durch den Einsatz kollaborierender Roboter vor allem von einer erhöhten Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegensatz zu herkömmlichen Industrierobotern sind Cobots finanziell erschwinglich. Die Investition in eine Cobot-Anwendung amortisiert sich im Schnitt innerhalb von weniger als einem Jahr. Einsparungen entstehen beispielsweise durch geringere Fehlerquoten und stabilere Prozesse. Für die Implementierung und Programmierung der UR-Cobots sind zudem keine Spezialkenntnisse erforderlich. Die Bedienung funktioniert intuitiv via Tablet. Nicht zuletzt kann ein produzierendes Unternehmen durch den Einsatz von Cobots seine Chancen auf dem umkämpften Arbeitsmarkt steigern, denn MRK-Anwendungen werten den Arbeitsplatz deutlich auf. Wagen wir einen Blick in die Zukunft – was glauben Sie, wie schnell sich diese dahingehend verändern wird? Ich bin überzeugt davon, dass die menschliche Arbeitskraft verstärkt in die Produktionsprozesse zurückkehren wird. Gleichzeitig steckt die kollaborative Robotik in Europa immer noch in den Kinderschuhen. Meiner Einschätzung nach haben wir mit unseren Cobots rund 90 Prozent des potentiellen Marktes noch gar nicht erschlossen. Das bedeutet, dass uns der große Boom erst noch bevorsteht – lange wird es aber nicht mehr dauern. Denn der Druck, auf den Weltmärkten mithalten zu müssen, steigt. Über die Problematik des Fachkräftemangels hatten wir ja bereits gesprochen. Gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern entdecken wir daher stetig neue Prozesse und Anwendungs bereiche, die wir mithilfe von kollaborierenden Leichtbau robotern automatisieren können. Selbst solche, die wir noch gar nicht bedacht hatten. Daraus ergeben sich auch immer neue Varianten von Sensoren und Greifern. Auch das Thema Sprachsteuerung wird in der Automatisierung künftig eine Rolle spielen und die Implementierung und Nutzung von Robotern noch einfacher machen. Die Fragen stellte Marie Krueger, Redakteurin bei INDUSTRIELLE AUTOMATION Bilder: Universal Robots www.universal-robots.com INDUSTRIELLE AUTOMATION 4/2019 65

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